Waldbewirtschaftung und Zertifizierung (März 2008)

Der Schlangenbader Gemeindewald wird bisher naturnah bewirtschaftet und ist nach PEFC und FSC/Naturland hochwertig zertifiziert.
Der Gemeindevorstand hat einen Antrag eingebracht, der zumindest die Zertifizierung nach Naturland abschaffen soll.

Lesen Sie die Rede unseres GRÜNEN Gemeindevertreters und Fraktionsvorsitzenden Joachim Friedrich, die er in der Gemeindevertretersitzung am 19.3.08 dazu gehalten hat.

 

"Frau Vorsitzende, meine Damen und Herren,

ich habe eine recht simple Anschauung der Dinge:

Ich bin solange von etwas überzeugt, bis mich jemand mit besseren Argumenten von einer anderen Auffassung überzeugt.

Und was hat das mit Douglasien zu tun ?

Ich glaube, da muss man bei Kyrill anfangen, Sie erinnern sich, jener Sturm der im Januar 2007 über Deutschland und auch unsere Gemeinde fegte. Und obwohl sich der Schaden für uns in Grenzen hielt, begann damit eine ganz eigene Geschichte.

Denn plötzlich meldete unser Forstdirektor – das ist der Mann, der im Auftrag der Gemeinde den Schlangenbader Wald entsprechend den Vorgaben der Gemeinde bewirtschaften soll – er müsse die umgefallenen Bäume mit Gift spritzen, weil sonst erheblicher Schaden für die Gemeinde drohe.

Darauf musste der Gemeindevorstand dem Forstdirektor sagen, dass dies nicht gehe, denn unser Wald sei nach Naturland zertifiziert und dies lasse den Einsatz von Gift nicht zu.

Das hatte der wohl vergessen.

Aber irgendwie nagte das nicht gespritzte Gift und der mögliche Schaden, denn nun stellte der Gemeindevorstand überrascht fest, dass der Gemeindewald zwar seit 6 Jahren nach Naturland bewirtschaftet wird, doch ein Beschluss der Gemeindevertretung hierzu gar nie erfolgte.

Um dieses Übel zu heilen brachte man flugs einen Antrag in die Gemeindevertretung ein, den Gemeindewald künftig nach PEFC zu zertifizieren. Und wenn Sie sich an diese Vorlage vom 24.10.07 erinnern, dann wissen Sie sicher noch, dass PEFC nach der ökologisch anspruchsvollen Bewirtschaftung nach Naturland und der Bewirtschaftung nach FSC, die einen Kompromiss zwischen Ökologie und Ökonomie schlägt, die unterste Kategorie der Zertifizierung darstellt.

Die Vorlage war ansonsten sehr verständlich, lernten wir doch daraus, dass Naturland mehr bedeutet als nur, dass kein Gift gespritzt wird:

z.B. dass Kahlschlag verboten ist, dass die natürliche Artenvielfalt zu erhalten ist, dass es geschützte Bereiche gibt, wo der Wald noch Wald sein darf und nicht Forst sein muss und sei es auch nur für 10 % der Fläche. Und wenn schon gefällt wird, soll das Holz auf eine Weise aus dem Wald geholt werden, dass nicht alles platt gefahren wird, der Boden auf Jahre verdichtet wird und seine Wasseraufnahmefähigkeit wie ein plattgewalztes Brot verliert.

Das wollten Sie nicht.

Sie haben daher entschieden, dass der Gemeindevorstand die notwendigen Schritte unternimmt, dass unser Wald nach Naturland/FSC zertifiziert bleibt,

aber dass es in Zukunft möglich ist, in begrenztem Umfang Douglasien/Laubholz-Mischbestände zu pflanzen,

und dass auf die Forstverwaltung eingewirkt wird, dass auf geeigneten Flächen Eichen gepflanzt werden und dafür von denen die notwendigen Genehmigungen einzuholen sind und dass die bisherige Form der Waldbewirtschaftung fortgesetzt wird.

Da haben wir die Douglasien.

Aber was haben wir da eigentlich beschlossen ?

Nachdem es in 2007 auch ohne Gifteinsatz keinen Schaden gab, kam der nächste Schreck: Der Klimawandel.

Die Niederschläge nehmen ab, es gibt zunehmend Standorte, die für das wichtigste Bauholz, die Fichte, zu trocken sind.

Also: Wir haben unseren Vorstand beauftragt, bei Naturland zu erwirken, dass künftig auch Douglasien statt Fichten gepflanzt werden dürfen, bis dahin auf eben diesen Standorten Eichen/Mischkulturen gepflanzt werden und durch die Forstdirektion für diese Abweichungen von den Forsteinrichtungsplänen die notwendigen Genehmigungen einzuholen sind.

Für den Fall, dass dies mit Naturland nicht möglich sein sollte, dann – aber erst dann – wollten Sie, dass unser Wald nach FSC/PEFC zertifiziert wird.

Eigentlich eine recht klare Meinungsäußerung, sollte man meinen.

Weit gefehlt !

Zwar hat der Vorstand Naturland angeschrieben und Naturland befand die Sache auch so wichtig, dass damit eine Grundsatzdiskussion über den Einsatz von Douglasien statt Fichten in Gang gesetzt wurde, die aber Zeit braucht und erst Ende Mai abgeschlossen sein soll.

Aber, solange kann Hessen-Forst plötzlich gar nicht warten.

Denn anstatt beschlusskonform die erforderlichen Genehmigungen zur Abweichung vom Forsteinrichtungsplan einzuholen, mahnt uns unser Auftragnehmer nun an, dass wir nach Paragraph soundso unverzüglich (unterstrichen) aufzuforsten haben, ansonsten die Brombeere mit erheblichen (schon wieder) Mehrkosten verwildert und im übrigen die alternativ beschlossene Eichenpflanzung nur mehr Geld kostet – 17000 Euro – also na ja, zumindest hält der Forstdirektor dies für „gut denkbar“.

Also: Statt Fichte und oder Eiche sollen nun sofort 1800 Douglasien gepflanzt werden, die Bäume seien schon reserviert. Zack, zack.

Man kann nicht warten, bis sich Naturland „bequemt“ eine Aussage zur Douglasie zu treffen, die „vielleicht irgendwann einmal“ entschieden wird.

Aus der Vorlage vom 24.10.07 wissen wir noch, dass auch bei einer Zertifizierung nach FSC die Einbringung nicht heimischer Baumarten, die die Douglasie nun einmal ist, lediglich „Einzel- bis Gruppenweise“ zulässig ist.

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob sich dies mit der Pflanzung von rund 1800 Douglasien auf 1,7 Hektar Waldfläche in Einklang bringen lässt.

Falls nicht, würden wir mit der vom Vorstand geforderten Freigabe der Douglasienpflanzung automatisch eine Aufgabe der Zertifizierung selbst nach FSC entscheiden, was hier vielleicht durch die Hintertür auch so gewollt ist.

Es bliebe nur noch PEFC übrig.

Aber das wollten wir doch im Oktober schon nicht. Oder ?

Lassen Sie uns eine klare Antwort geben:

Ich denke, die Mehrheit der Gemeindevertreter und Bürger befürwortet die bisherige Art der Schlangenbader Waldbewirtschaftung, vertritt aber auch die Auffassung, dass in Zukunft an notwendigen Standorten in angemessenem Umfang Douglasien gepflanzt werden können.

Wir haben unseren Zertifizierer in diesem Sinne befragt. Eine Antwort dazu soll Ende Mai vorgelegt werden.

Wir haben von Ende Mai bis zur nächsten Pflanzzeit im Spätsommer genug Zeit uns zu entscheiden, wie wir Gemeindevertreter uns die künftige Bewirtschaftung unseres Waldes vorstellen.

Auf keinen Fall sollten wir uns dabei von unserem Erfüllungsgehilfen Hessen-Forst treiben lassen, sondern eine Entscheidung treffen, die für die Dauer der Entscheidung Bestand hat.

Wir stellen daher folgenden Antrag:

1. Die Entscheidung für die weitere Bewirtschaftung des Gemeindewaldes wird auf die Sitzung im August vertagt.

2. Für den Fall, dass Naturland einer eingeschränkten Pflanzung von Douglasien zustimmt ist eine weitere Diskussion entbehrlich, es gilt dann der überarbeitete Standard unseres Zertifizierers Naturland.

3. Für den Fall, dass Naturland einer Pflanzung von Douglasien nicht zustimmt, bzw. nicht abschließend befindet, ist durch den Gemeindevorstand ein Anforderungsprofil vorzulegen, wie die künftige Bewirtschaftung des Gemeindewaldes geregelt sein soll. Diese Vorlage soll sich an dem Beschluss vom 24.10.07 orientieren und vorab zur Beratung an die Ausschüsse GFU und HFA überwiesen werden.

4. Für diesen Fall sind durch den Gemeindevorstand die Kosten einer alternativen Zertifizierung zu ermitteln und vorzulegen.

Eine Eiche wächst rund 180 Jahre bis sie fällreif ist.

Lassen wir uns die Zeit, diese wichtige Entscheidung in Ruhe anzugehen und lassen wir dem Vorstand die Zeit, die Sperrfrist für abgelehnte Anträge einzuhalten und eine schlüssige Vorlage zu erarbeiten, die nicht von einseitigen Vorstellungen geprägt ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

 

Der Antrag des Gemeindevorstandes:

Antrag des Gemeindevorstandes zu TOP 9 der Gemeindevertretung am 19.3.08

Betr.: Pflanzung von Douglasien im Gemeindewald

Beschlußempfehlung:

Im Schlangenbader Wald soll in Abteilung 2 B die Bepflanzung von 3.000 Buchen und 1.425 Douglasien erfolgen.

In Abteilung 105 sollen 350 Douglasien und 400 Buchen gepflanzt werden.

Es wird zur Kenntnis genommen, dass damit die Zertifizierung nach Naturland entfällt.

 

Die Änderung im Haupt- und Finanzausschuss:

In der 8. Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am 11.3.08 wurde die o.g. Beschlußempfehlung auf Antrag der CDU wie folgt geändert:

Der letze Satz (Es wird zur Kenntnis genommen, dass damit die Zertifizierung nach Naturland entfällt) wird durch folgenden Satz ersetzt:

Die Gemeinde strebt an, auch weiter Naturland-zertifiziert zu bleiben und die Waldbewirtschaftung gemäß des Gemeindevertreterbeschlusses von 24.10.07 fortzuführen. Sollte Naturland e.V. aufgrund der vorgenannten Pflanzung von Douglasien der Gemeinde ihre Zertifizierung entziehen, strebt die Gemeinde eine Zertifizierung nach FSC an.

 

Das Abstimmungsergebnis in der Gemeindevertretersitzung:

In der Gemeindevertretersitzung am 19.3.08 wurde die Vorlage des Gemeindevorstandes in der vom Haupt- und Finanzausschuss geänderten Form mit den Stimmen von CDU und FDP gegen die Stimmen von SPD, GRÜNE und PRO angenommen.



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